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"Der letzte Bildungsweg" - Jugendliche beim Bewerbungstraining

Beitragvon Muchai am Freitag 15. August 2008, 01:33

Der letzte Bildungsweg

(...)
"Formulieren Sie doch mal selber eine Bewerbung", fordert Ausbildungsleiterin Martina Tödtmann, schaut Nicolas P. dabei über die Schulter. "Warum denn?", fragt der 19-Jährige zurück, "ich hab doch die Vorlagen."

Die Diplompädagogin, 28, zierlich, rotblond, energisch, setzt nach: "Stellen Sie sich vor, Sie sind ohne die Vorlagen zu Hause, müssten ganz schnell selbst etwas schreiben." Es ist Montagmittag, aber Nicolas P. blockt ab, als hätte er eine Arbeitswoche am Rande der Erschöpfung hinter sich: "Dann würde mir meine Mutter helfen." Außerdem, sagt er, sei in fünf Minuten Pause. "Aber wenn's unbedingt sein muss."

Nicolas P. ist einer von 67 Teilnehmern, die im September vergangenen Jahres hier in Hamburg-Wilhelmsburg gestartet sind, in dieser Auffangstation für Jugendliche ohne Ausbildungsplatz und ohne Job. Einer von 67 Haupt- und Realschülern mit und ohne Abschluss, die sich staatlich gefördert fit machen können, um doch noch eine Lehrstelle als Handwerker, Verkäufer oder Bürokaufmann zu ergattern.
(...)

:arrow: SPON
Mit pädagogischem Gruß
Muchai :kaffee:
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Re: "Der letzte Bildungsweg" - Jugendliche beim Bewerbungstraining

Beitragvon befana am Freitag 15. August 2008, 06:37

Spiegel-Önline hat geschrieben:Beim Üben eines Vorstellungsgesprächs ist sie verblüffend offen. "Wo liegen denn Ihre Schwächen?", fragt die Ausbilderin. "Ja, ich bin nicht so zuverlässig", stottert Serife, "manchmal auch unpünktlich." "Halt, halt", unterbricht die Ausbilderin, "das dürfen Sie doch nicht sagen, um Himmels willen." "Warum denn nicht?" "Weil Sie dann niemand nimmt."

Serife G. möchte später unbedingt eine eigene schicke Boutique haben, deshalb hat sie sich bislang nur bei Textilläden und Schmuckgeschäften beworben. Eine Antwort bekam sie selten, einen Vorstellungstermin nie.

Oft habe ich den Eindruck, dass die Vorstellung und die Realität bei den Jugendlichen sehr auseinander klafft.
Was mich aber auch nicht verwundert.
Schließlich haben sie Markenklamotten, das neueste Handymodell und genügend Taschengeld um sich fast jeden Wunsch erfüllen zu können.
Und dies alles, ohne viel Anstrengung.
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Re: "Der letzte Bildungsweg" - Jugendliche beim Bewerbungstraining

Beitragvon engelein10 am Montag 3. November 2008, 17:31

Hallo!

befana hat geschrieben:Oft habe ich den Eindruck, dass die Vorstellung und die Realität bei den Jugendlichen sehr auseinander klafft.
Was mich aber auch nicht verwundert.
Schließlich haben sie Markenklamotten, das neueste Handymodell und genügend Taschengeld um sich fast jeden Wunsch erfüllen zu können.
Und dies alles, ohne viel Anstrengung.


Da muss ich befana recht geben.
Auch wenn ich seh, welche Vorstellungen Praktikanten später vom Job haben und mit welchen Steckbriefen, sie sich allein in den Einrichtungen vorstellen.
Wenn so auch die Bewerbungen geschrieben sind, dann seh ich schwarz.
Gruß Vanny

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Re: "Der letzte Bildungsweg" - Jugendliche beim Bewerbungstraining

Beitragvon saschkia am Dienstag 4. November 2008, 07:21

Ich stimme dem auch vollkommen zu!
Im Jugendzentrum hatten wir mal so ne Aktion über Berufswahl usw. mit einer Hauptschule zusammen.
Die Aufgabe war, mal einzuschätzen wieviel Geld man so fürs tägliche Leben so braucht. Was die Kinder da so für Vorstellungen und Ansprüche hatten, war echt schon traurig! Also da klaffte die Realität von den Vorstellungen auch sehr weit auseinander!
Aber meines Erachtens auch kein Wunder bei den Taschengeldern, die die Kinder teilweise bekommen! Das hatten wir auch mal so gefragt... also da waren echt schon teilweise hohe Summen bei!
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Re: "Der letzte Bildungsweg" - Jugendliche beim Bewerbungstraining

Beitragvon Ne55i am Dienstag 11. November 2008, 11:15

Es ist wirklich erschreckend zu sehen, wie wenig Eigeninitiative und Selbstverantwortung von Jugendlichen übernommen wird, wenn es um ihren beruflichen Werdegang geht.
In meiner Wohngruppe habe ich ebenfalls täglich damit zu tun. Bei vielen kann man es verstehen, sie sind bereits jetzt demotiviert, weil sie wissen, dass sie auf dem Arbeitsmarkt mit einem schlechten Hauptschulabschluss kaum Chancen haben. Jede Absage wirft sie weit zurück.
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Re: "Der letzte Bildungsweg" - Jugendliche beim Bewerbungstraining

Beitragvon befana am Dienstag 11. November 2008, 14:26

Ne55i hat geschrieben:In meiner Wohngruppe habe ich ebenfalls täglich damit zu tun. Bei vielen kann man es verstehen, sie sind bereits jetzt demotiviert, weil sie wissen, dass sie auf dem Arbeitsmarkt mit einem schlechten Hauptschulabschluss kaum Chancen haben. Jede Absage wirft sie weit zurück.

Meinst du, es liegt wirklich nur daran, dass sie keine Chance haben?
Ich denke, ihnen fehlt auch der nötige Biss an der richtigen Stelle.
Ich kann mich an eine Praktikantin erinnern, die sich um einen Praxisplatz bewarb und von mir aus organisatorischen Gründen abgelehnt wurde.
Sie ist im Gespräch mit solch einer Überzeugung und Willenskraft aufgetreten, dass es mir richtig imponiert hat.
Mir blieb gar nichts anderes übrig, als ihr eine Zusage zu geben.
Und ich habe es nicht bereut.
Sie war übrigens Hauptschülerin und es ging um das Berufsfindungspraktikum.
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Re: "Der letzte Bildungsweg" - Jugendliche beim Bewerbungstraining

Beitragvon Ne55i am Mittwoch 12. November 2008, 12:02

befana hat geschrieben:Meinst du, es liegt wirklich nur daran, dass sie keine Chance haben?


Nein, es liegt meiner Meinung nach nicht nur daran, dass sie sich kaum Chancen ausrechnen. Ich habe bewusst von der geringen Eigeninitiative und Selbstverantwortung gesprochen, welche sich zumindest bei den mir bekannten Jugendlichen in allen Bereichen des Lebens äußern. Habe das Gefühl, dass sie grundsätzlich "bespaßt" werden wollen und wenn etwas nicht funktioniert die Schuld dafür außen suchen. Woran das liegt? An dem TV-Konsum? Den Medien allgemein? Der Erziehung?
Manchmal glaube ich, dass es daran liegt, dass man Kindern und Jugendliche zu wenig Möglichkeiten einräumt sich selbst etwas zu erarbeiten. In der Schule bekommen sie genaue Vorgaben, was sie tun müssen um das Klassenziel zu erreichen. Wenn ich mir dann anschaue wie wenig Hausaufgaben zum Teil gefordert werden wird mir schlecht. Freizeitaktivität bedeutet bei den Jugendlichen in meiner Wohngruppe die Nutzung des PC's zum Chatten. Und wenn sie mal einen Termin z.B. bei der Arbeitsagentur wahrnehmen sollen bedeutet es für sie schon eine Tragödie, wenn sie sich selbst darum kümmern müssen, wie sie hin und wieder zurück kommen.
Ich frage mich immer wieder, wie es dazu kommen kann, dass man sich selbst nicht mehr verantwortlich dafür fühlt eigene Ziele und Interessen zu verwirklichen.
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Re: "Der letzte Bildungsweg" - Jugendliche beim Bewerbungstraining

Beitragvon befana am Mittwoch 12. November 2008, 16:32

Ne55i hat geschrieben:Ich frage mich immer wieder, wie es dazu kommen kann, dass man sich selbst nicht mehr verantwortlich dafür fühlt eigene Ziele und Interessen zu verwirklichen.

Mag sein, dass ich nun als alt und verknöchert gelte, aber ich glaube, es hat auch mit den geringen Anforderungen zu tun, die an die Kinder, später Jugendlichen, gestellt werden.
Man weiß heute, dass die Kinder eher lernen, wenn man ihre Interessen weckt oder aufgreift.
Kinder sollen selbstbestimmt lernen.
Das finde ich nicht nur ok, sondern auch sehr wichtig.
Aber leider wird dabei der Mittelweg übersehen.
Jeder kommt im Laufe des Lebens in viele Situationen, in denen er Dinge tun muss, die keinen Spaß machen, zu denen er keine Lust hat.
Nicht nur in der heutigen Zeit, auch bevor die Arbeitslosigkeit so groß war, mussten Berufe ergriffen werden, die nicht unbedingt auf den eigenen Interessen beruhten.
Ich kann mir vorstellen, dass es früher für die Jugendlichen leichter war, sich in Situationen zu fügen, weil sie es gewohnt waren, kaum eigene Entscheidungen zu treffen, oder Dinge zu tun, die sie nicht wollten.
Dazu kommt, dass den Kindern und Jugendlichen heute viel abgenommen wird.
Oft rufen die Eltern sogar für die Jugendlichen an, um nach einem Ausbildungsplatz zu fragen.
Heute dürfen können sie tun was sie wollen, haben aber nicht gelernt, auch an die Grenzen des nicht Wollens zu gehen.
Der andere Punkt ist, dass vielen durch die große Arbeitslosigkeit vorgelebt wird, dass es auch ohne geht.
Da wir aber alle für die Schule gelernt haben, damit wir später auch Arbeit bekommen, leuchtet es nicht ein, warum man den Druck aushalten sollte.

Eine andere Frage ist, ob sich wirklich viel verändert hat, oder ob es nur nicht unseren Vorstellungen entspricht, denn die Verwahrlosung der Jugend wurde schon 2000 vor Christus kritisiert: :
Unsere Jugend ist heruntergekommen und zuchtlos. Die jungen Leute hören nicht mehr auf ihre Eltern. Das Ende der Welt ist nahe. (Keilschrifttext aus Ur, Chaldäa, um 2000 vor Christus)
Die Jugend von heute liebt den Luxus, hat schlechte Manieren und verachtet die Autorität. Sie widersprechen ihren Eltern, legen die Beine übereinander und tyrannisieren ihre Lehrer. (Sokrates, gr. Philosoph, 470-399 v.Chr.)
Ich habe überhaupt keine Hoffnung mehr in die Zukunft unseres Landes, wenn einmal unsere Jugend die Männer von morgen stellt. Unsere Jugend ist unerträglich, unverantwortlich und entsetzlich anzusehen. (Aristoteles, gr. Philosoph, 384-322 v. Chr.)
[...]


:arrow: Verfall von Sitte, Moral und Anstand bei der Jugend

Ich weiß, das widerspricht sich beides, aber so sicher bin ich mir nicht, ob es heute wirklich so schlimm ist, oder nur durch die Präsenz der Medien auffällig scheint. :k.A.:
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Re: "Der letzte Bildungsweg" - Jugendliche beim Bewerbungstraining

Beitragvon Ne55i am Donnerstag 13. November 2008, 20:48

Befana ich musste herzlich über deine Zitate lachen :lol: Danke!

befana hat geschrieben: Mag sein, dass ich nun als alt und verknöchert gelte, aber ich glaube, es hat auch mit den geringen Anforderungen zu tun, die an die Kinder, später Jugendlichen, gestellt werden.


Ich hatte eigentlich gehofft, dass ich mit meinem Beitrag genau das aussage :oops: Demnach habe ich die gleiche "verknöcherte" Einsicht ;)

befana hat geschrieben:Ich weiß, das widerspricht sich beides, aber so sicher bin ich mir nicht, ob es heute wirklich so schlimm ist, oder nur durch die Präsenz der Medien auffällig scheint.


Ich kenne viele Jugendliche und es finden sich sowohl selbstbestimmte - ich nenne sie mal "reife" Jugendliche - als auch solche, die daran zweifeln lassen, ob sie zukünftig ihr Leben zufriedenstellend gestalten können. Erschreckend finde ich, dass ich immer super fasziniert von "reifen" Jugendlichen bin, weil man solche so selten trifft.

Ich sehe auf meiner Arbeit immer wieder wie schwer es ist solche Jugendlichen zu bewegen. Interessanterweise wirken aber bereits kleinste Mittel beispielsweise das Interesse an den Hausaufgaben und die Zeit sich gemeinsam mit ihnen dran zu setzen. Oder auch der länger Atem beim NEIN sagen, wenn es darum geht ihnen wichtige Aufgaben wie das Telefonat mit der Arbeitsagentur abzunehmen. Ich glaube diese Geduld und das Durchhaltevermögen fehlt vielen Erwachsenen bei der Erziehung, es ist doch alles viel angenehmer mit den Kindern / Jugendlichen, wenn man jeden Wunsch erfüllt.
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