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Systemischer Ansatz

Beitragvon Claudia am Samstag 23. August 2008, 18:53

Hallo!

Ich hatte gestern, wie in einem Blog nachzulesen, einen kleinen (praktischorientierten) Einführungsworkshop zum systemischen Ansatz.
Nach dem Uniseminar im letzten Semester zum Thema systemische Familientherapie war ich schon angetan, aber nun bin ich restlos begeistert. :cool:

Deshalb möchte ich euch kurz die grundsätzlichen Ansätze vorstellen.
  1. Ressourcenorientierung
    (Jeder Mensch hat Stärken! Zur Verkleinerung der Schwächen muss man an den Stärken weiterarbeiten...)
  2. Kontextorientierung
    (Die Situation/"das Vergehen" wird durch den Kontext bestimmt. Also z.B. ist Peter nicht faul, weil er seine Hausaufgaben nicht macht, sondern bei Schulangelegenheiten (in dieser Zeit, in diesen Fächern, ..) kommt es zur Nichterledigung der Hausaufgaben. Es geht also nicht um eine Eigenschaftszuweisung. Damit es zu so einer Feststellung ("er ist faul") überhaupt kommen kann, braucht es jmd. den es stört und eine Gemeinschaft, welche es anders macht. Dazu ein Beispiel: In Deutschland fällt unangenehm auf, wer fünf Minuten zu spät kommt. In Italien dagegen sollte man nur nicht schon genau zur verabredeten Zeit kommen, weil man sonst schief angeschaut wird. Es kommt also auf den Kontext an...)
  3. Lebendige Systeme
    (Man kann nicht in die Zukunft schauen, weil man es mit lebendigen Systemen zu tun hat. Wenn man auf einen Fußball tritt kann man berechnen wohin er fliegt. Reaktionen von Menschen kann man nur erahnen, aber nie voraussehen.)
  4. Konstruktivismus
    (Die Welt um einen herum gibt es nicht, sondern sie wird konstruiert. Merkmal: Jeder Mensch nimmt seine Umwelt anders wahr. Wenn man 25 Leute in einem Raum hat, kennt niemand die tätsächliche Situation, sondern erst der gemeinsame Durchschnitt könnte in die richtige Richtung gehen.)
  5. Symptome haben einen Sinn
    (Gerade Kinder entwickeln häufig "für ihre Eltern" ein Symptom. Beispiel: Eltern streiten dauernd, das Kind wird daraufhin auffällig (egal ob zurückgezogen/aggressiv/..), so müssen die Eltern sich um das Kind kümmern (gemeinsam an einem Strang ziehen) und können über das Kind wieder gemeinsam ins Gespräch kommen/haben wieder etwas gemeinsam (eine Aufgabe).)
  6. Refraiming
    (Situationen werden umgedeutet, also aus einem anderen Blickwinkel betrachtet. Aus "Mein Vater mischt sich immer in mein Leben ein" könnte werden "Ihr Vater möchte Sie also beschützen". Oder wenn der Klient sagt "Die Sucht überkommt mich einfach" (er als passiver Part), könnte der Therapeut sagen "Wie sieht die Situation aus, wenn Sie zur Flasche greifen?".

Nicht der Therapeut/Berater kennt die Lösung, sondern die Lösungsfindungen entstehen in einem kooperativem gemeinsamen Such- und Lernprozeß. Hypothesen sind immer vorläufig, sind Konstruktionen im gemeinsamen Arbeitsprozess, werden als pragmatische Handlungsorientierung genutzt, bleiben aber offen für Korrektur und Veränderungen. Der Klient ist Experte für sein Leben. Die Behandlung wird auf die Individualität des Klienten abgestimmt. Widerstand in dieser Perspektive sind Information und Lernanregung für den Berater, die er zur weiteren Beziehungs- und Interventionsgestaltung nutzt. Dieser Prozess braucht Nähe (Vertrauen, erkennen, einfühlen, spüren) und Distanz (Hypothesen finden, neue Sichtweisen entwickeln, Bewegung anregen) im Wechsel.
"Man sollte sich nie in eine Hypothese verlieben, geschweige denn sie heiraten, bestenfalls einmal mit ihr essen gehen."

(Wichtiger Hinweis: Zitiert von Herrn Schwing, Institut für systemische Beratung, Hanau (vom 22.08.08))

Die möglichen Ausbildungen müssen entweder von der Systemischen Gesellschaft (SG) oder von der Deutschen Gesellschaft für Systemische Therapie und Familientherapie (DGSF) anerkannt sein! ;) Ansonsten lieber Finger weg, denn die Ausbildungen sind teuer, da sollten sie wenigstens anerkannt sein, wenn ihr welche macht. :cool:

Möglichkeiten:
  • Systemische Beraterin; Systemischer Berater
  • Systemische Therapeutin / Familientherapeutin; Systemischer Therapeut / Familientherapeut
  • Systemische Supervisorin; Systemischer Supervisor
  • Systemische Kinder- und Jugendlichentherapeutin; Systemischer Kinder- und Jugendlichentherapeut


:hut:
Liebe Grüße!
Claudia
:hack:

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Re: Systemischer Ansatz

Beitragvon Andrea am Samstag 23. August 2008, 21:55

Hallo,

tolle Zusammenfassung, danke!

Claudia hat geschrieben:"Man sollte sich nie in eine Hypothese verlieben, geschweige denn sie heiraten, bestenfalls einmal mit ihr essen gehen."

Der Satz wird übernommen :mrgreen:

Dies habe ich mal nach dem WE in systemischer Gesprächsführung geschrieben:
Andrea im Studientagebuch hat geschrieben:Drei Sätze, die im laufe des WE fielen und die mir sehr gefallen haben:
- Alles immer im Kontext sehen.
- Auch Ratschläge sind Schläge.
- Um Lösungen zu finden muss ich über Lösungen sprechen!
Liebe Grüße
Andrea :elefant:
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    wenn ich soll,
    aber nie kann, wenn ich will,
    dann kann ich auch nicht,
    wenn ich muss.
    Wenn ich aber darf,
    wenn ich will,
    dann kann ich auch,
    wenn ich muss.
    Denn merke:
    die können sollen,
    müssen auch wollen dürfen.


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Re: Systemischer Ansatz

Beitragvon Claudia am Samstag 23. August 2008, 22:17

:lol: Freut mich, dass ich wenigstens eine Verbündete bei dem Thema hab.

:kuss2: Andrea.

Ja, den Satz fand ich auch klasse. Und wie wahr er doch ist. Muss ich mir auch an die eigene Nase fassen...
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Re: Systemischer Ansatz

Beitragvon Muchai am Samstag 23. August 2008, 23:16

Schön, daß es Dir gefallen hat. Ich bin ja auch ein Anhänger des Systemischen.
Claudia hat geschrieben:Wenn man auf einen Fußball tritt kann man berechnen wohin er fliegt.

Auch da gibt es Grenzen. Es wurden schon ganz "unmögliche" Tore geschossen...
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Re: Systemischer Ansatz

Beitragvon Claudia am Samstag 23. August 2008, 23:24

Na ja, ein Bananenschuss (o.ä.) war nun nicht direkt gemeint. ;)


Du bist ein Anhänger des Systemischen? Echt? Das wusste ich ja noch gar nicht.. :roargh: Wie dazu gekommen bzw. zum ersten Mal davon gehört?
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Re: Systemischer Ansatz

Beitragvon Muchai am Samstag 23. August 2008, 23:33

Claudia hat geschrieben:Na ja, ein Bananenschuss (o.ä.) war nun nicht direkt gemeint. ;)

Die gheören auch zum Fußball, wenn sie nicht das Salz in der Suppe sind...

Claudia hat geschrieben:Du bist ein Anhänger des Systemischen?

Solange es nicht Hellinger persönlich ist...

Claudia hat geschrieben:Wie dazu gekommen bzw. zum ersten Mal davon gehört?

Da hast Du noch Windeln getragen. Ich bin während meines Praktikums im Jugendzentrum (Fortbildung zum Thema Jungenarbeit!) darauf gestoßen. Da war eine recht kompetente systemische Beraterin. Es gab da die eine oder andere Aufstellung, die danach sehr gut aufbereitet wurde.
Problemstellungen sind komplex, insofern sie die von Dir dargestellten Punkte absolut schlüssig. Allerdings setzt dieser Ansatz voraus, daß sich - gerade bei Kindern - alle Parteien darauf einlassen. Die Realität sieht häufig anders aus...

Gerade in einem Fall au meiner Arbeit würde ich mir etwas Systemisches wünschen, aber dieser Wunsch ist leider fast illusorisch...
Mit pädagogischem Gruß
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Re: Systemischer Ansatz

Beitragvon Claudia am Samstag 23. August 2008, 23:38

Muchai hat geschrieben:Allerdings setzt dieser Ansatz voraus, daß sich - gerade bei Kindern - alle Parteien darauf einlassen. Die Realität sieht häufig anders aus...

Weshalb es in der Ausbildung schon um die Begrüßung geht. Sehr interessant die unterschiedlichen Möglichkeiten und was es (nicht) bewirkt. :jaja:
Fragetechniken sowieso. Und Beziehungsaufbau ist das A und O (wobei die Leute dann mehrheitlich immer schon freiwillig dort sind), damit "fängt man Klienten". :roargh:


Hach, ein spannendes Thema!
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