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Konsequenzen, Reaktionen auf unerwünschtes Verhalten, oder Strafe

Beitragvon befana am Samstag 25. Oktober 2008, 10:20

Erziehen wie vor 50 Jahren
Gewalt wird immer noch als Erziehungshilfe akzeptiert
24.10.2008

(redaktion/bikl) Verbale Aggressionen, Verstöße gegen Gruppenregeln und die mutwillige Zerstörung von Sachen lassen sich Jugendliche in Heimen und betreuten Wohngruppen am häufigsten zuschulden kommen. Harte Strafen helfen da wenig. Mit Gesprächen, Wiedergutmachungs- und Arbeitsauflagen reagieren deshalb Pädagogen, wenn sich die jungen Menschen daneben benehmen. Irritierend allerdings: Über die Hälfte der pädagogischen Fachkräfte glaubt, dass körperliche Gewalt als Strafe gleichwohl auch noch vorkommt, so eine Studie der FH Dortmund. Dabei ist erwiesen, dass die Auswirkungen von Strafen sehr unterschiedlich sind und nicht selten auch negative Reaktionen wie weitere Aggressionen auslösen können.


:arrow: bildungsklick

Der Gedanke, dass Gewalt immer noch als Erziehungshilfe akzeptiert wird, erschreckt mich.

Egal, ob es der Begriff Konsequenzen, Reaktionen auf unerwünschtes Verhalten, oder Strafe ist, wie steht ihr zum Thema Strafe, nicht nur in Form von Gewalt?
Gibt es für euch einen Unterschied zwischen den Begriffen?
Welchen Eindruck habt ihr, welche Formen es bei euch oder in anderen Einrichtungen gibt?
Wie geht ihr mit unerwünschtem Verhalten um?
Lieben Gruss
befana

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Re: Konsequenzen, Reaktionen auf unerwünschtes Verhalten, oder Strafe

Beitragvon Kathleen am Samstag 25. Oktober 2008, 19:22

Guten Abend,
das erschreckt mich doch sehr!

Strafen heißen für mich, was hinter die Ohren, Stubenarrest, Fernsehverbot oder was es sonst noch alles zu meiner Kinderzeit so gab. Manche Mitschüler meiner Klasse hatten auch noch Angst mit schlechten Noten nach hause zu gehen, dann gab es den so genannten " Arschvoll". Wie gruselig :shock: :shock: . Ich hoffe das diese Zeiten vorbei sind und Eltern oder andere Sorgeberechtigte sich anders zu helfen wissen. (Meine Tante ging auch gern mal mit einer Holzkelle auf meinen Cousin los, heute will sie davon nichts mehr hören.)

Konsequenzen, heißen für mich, vorher zu wissen was passiert, wenn ich etwas mache. Ist eigentlich das Gleiche wie oben, nur in ein schöneres Wort verpackt.
Allerdings denke ich, das man bei Teenis, mit denen man Regeln bespricht, diese dann nicht eingehalten werden, schon Konsequenzen einsetzen kann. Ich hab mit meinem Sohn mal einen Vertrag gemacht. Das hat sehr gut geklappt und die Kinder fühlen sich anerkannt und auf einmal klappt alles (fast alles) besser.
Meine beiden Oberzicken, die sich trotz großem Altersunterschied ein Zimmer teilen, muß ich ab und an auch Konsequenzen einsetzen. Z.B. sie der Küche verweisen, obwohl sie mir helfen wollten. Ich spreche zu Beginn mit ihnen, das ich nicht kochen mag, wenn sie sich nur zanken und anschreien und ich sie dann vor die Küchentür setzen werde.( sie sind 5 J. und 11J.) Zu 60% geht nach spätestens 5 Minuten die Zickerei los. Dann ist die Kocherei für meine Damen vorbei. Komischerweise vertragen sie sich dann, vor der Tür, gut. :autsch: :roargh:
Zicken halt! So sind sie jetzt abwechselnd dran.

Reaktionen auf unerwünschtes Verhalten, ist für mich alles das Selbe, nur anders umschrieben.
Meine kleinen Tageskinder merken manchmal Konsequenzen :auslachen: :auslachen: . Wenn sie jemanden Beißen, hauen oder kneifen, kann es gut passieren das ein Echo zurück kommt. Kommt es nicht, tröste ich das angegriffene Kind und ignoriere für kurze Zeit den "Täter". Das hat bisher gut geholfen. Ist das jetzt schon Gewalt? Das fällt mir grade so auf!
Es kam schon vor das das Opfer zurück gebissen hat. Sollte ich das lieber unterbinden? Lieber mit ihnen noch mehr darüber reden? Sie sind zwischen 1J. und 3J. alt.
Ich würde mich freuen, wenn ihr meinen Gedanken mit aufnehmt und mir Tipps dazu gebt.
Liebe Grüße Kathleen
Ich bin was ich bin.
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Re: Konsequenzen, Reaktionen auf unerwünschtes Verhalten, oder Strafe

Beitragvon Muchai am Samstag 25. Oktober 2008, 22:08

MIt Schulverweigerung, Diebstahl, verbaler Aggression und Verstoß gegen Gruppenregeln habe ich in der stationären KInder- und Jugendhilfe schon zu tun gehabt.

Wenn man diese Phänomene näher betrachtet, kann man nicht nur vermuten, daß es Gründe gibt, warum KInder und Jugendliche, häufig nach heilpädagogischer, teilstationärer Betreuung im Heim landen. Es sind häufig Jugendliche, die keine oder massive Konsequenzen (körperliche Gewalt) erfahren haben.
Ein Urvertrauen ist vielen vollkommen fremd, was zu einer gewissen BIndungsunfähigkeit, der durch häufige Personalwechsel nicht entgegengewirkt werden kann.

Wirklich, perspektivisch gesehen, problematisch wird es, wenn man es mit Schulverweigerern zu tun hat. Daß es häufig Gestrandete des Schulsystems sind, ist als Erkenntnis wenig hilfreich, weil andere, womöglich bessere Schulkonzepte schlicht und ergreifend nicht zu bezahlen sind. (Abgesehen davon, daß jede alternative Schule, sei es Montessori, Waldorf oder eine andere sich hüten wird, ihr Wolkenkuckucksheim zu zerstören.)
Drohungen, ohne halbwegs passablen Schulabschluss kaum Perspektiven auf dem Arbeitsmarkt zu haben, verhallen ungehört. Unendliches gemeinsames Büffeln witd im Nachhinein ad absurdum geführt, wenn drei Tage später wieder geschwänzt wird. Regelmäßiges Erscheinen zu Lehrergesprächen kann einiges abfedern, leider nicht alles.
Ich habe einen 18-Jährigen betreut, der nach der 8. Klasse sein Abschlusszeugnis mit einer Vier, vier Fünfen und fünf Sechsen garniert bekommen hat...

In letzter Konsequenz kann man nur noch den Rausschmiss androhen. Bei manchen zieht's, aber je später sie kommen, um so schwieriger wird es. Schon vor über zehn Jahren waren dem Jugendamt bezüglich Fremdunterbringungen die Hände wegen Sparzwang gebunden. Ein Heimplatz kostet zwar mit rund 150 Euro am Tag nicht wenig Geld, kann sich aber langfristig auszahlen. Kommen die JUgendlichen allerdings erst mit 15 Jahren, ist es häufig schon zu spät, und man betreibt in den Einrichtungen eher Mangelverwaltung, als daß man wirklich etwas erreichen könnte...

Körperliche Gewalt von Betreuerseite, die so oder so zu verurteilen ist, bringt dann auch nichts mehr. Daß durch Personalwechsel, Krankheiten und Urlaube häufig Betreuer alleine mit einer Gruppe Jugendlicher im Dienst sind, darf dabei allerdings njicht übersehen werden. Das macht die Satistik nicht besser...
Mit pädagogischem Gruß
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Re: Konsequenzen, Reaktionen auf unerwünschtes Verhalten, oder Strafe

Beitragvon Ne55i am Mittwoch 29. Oktober 2008, 10:58

Muchai, du sprichst mir aus der Seele.

Ich finde Strafen bzw. Sanktionen sind ein schwieriger Bereich und auch ich fühle mich oft überfordert.
In meinen Diensten bin ich meistens allein und unsere Jugendliche sind fast täglich am Grenzen austesten oder untereinander in Konflikte verwickelt. Die meisten Aggressionen bekommen wir als Betreuer ab, wir werden angezickt und für alles verantwortlich gemacht, was gerade im Leben des bestimmten Jugendlichen schief geht. Dies auszuhalten ist oft sehr schwer.
Sanktionen sollen gut überlegt sein, aber in der Praxis ist oft keine Zeit für lange Überlegungen.

Einige meiner erfahrenderen Kollegen erklärten, dass es oft zwischen uns und den Jugendlichen richtig knallen muss, bevor die Beziehung zueinander gefestigt ist. Die Jugendlichen hatten meist negative Erfahrungen mit Erwachsenen, wurden geschlagen und vernachlässigt, und versuchen das Erlebte nochmals zu widerholen, in der Hoffnung, dass sie nicht wieder enttäuscht werden. Ich muss sagen, dass dies z. T. bereits zugetroffen hat. Mit einigen Jugendlichen konnte ich erst richtig arbeiten, nachdem sie mich aus der Reserve gelockt haben.

Wir versuchen grundsätzlich Sanktionen mit den Jugendlichen auszuhandeln, um die Selbsteinsicht zu stärken und den eigenen Konfliktanteil der Jugendlichen zu verdeutlichen. Wird etwas zerstört, wird in einem ruhigen Moment ausgehandelt, wie Ersatz geleistet werden kann oder gemeinsam repariert. Klärungsgespräche und Gruppendiskussionen sind sehr häufig bei zwischenmenschlichen Konflikten. Ansonsten wird die Selbstregulation des Jugendlichen oder der Gruppe gefordert, beispielsweise weiß jeder, dass wenn sich die Konflikte in der Gruppe nicht beruhigen, der Betreuer im Dienst nicht Einkaufen, gemeinsam ins Kino etc. gehen kann. Zeigt nur ein Jugendlicher schwieriges Verhalten, beschimpft andere oder mich o.ä. und boykottiert Regeln und Klärungsgespräche, dann ist klar, dass auch ich nicht bereit bin gewisse Wünsche des Jugendlichen z.B. Telefonieren, Zugang zum Internet etc. zu gewähren.
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Re: Konsequenzen, Reaktionen auf unerwünschtes Verhalten, oder Strafe

Beitragvon Muchai am Donnerstag 30. Oktober 2008, 00:51

Es beruhigt mich, daß meine Eindrücke nach über zeh Jahren Distanz nicht vollkommen verzerrt sind, Ne55i.

Was will uns diese Statistik eigentlich mitteilen? Die Faktoren, die zu diesem niederschmetternden und teilweise zu verurteilendem Ergebnis führen, werden - zumindest in dem Artikel - außer Acht gelassen.
Wir können uns hinstellen und das mit Recht alles verteufeln. Was dazu führt, wird gefelissentlich unter den Tisch gekehrt (weil es vielleicht auch die schöne Schlagzeile versauen könnte).
Was Ne55i in wenigen Zeilen darstellt, ist die Arbeit von Monaten und Jahren unter teilweise sehr widrigen Bedingungen.

Eine plakative Darestellung wie in diesem Artikel trägt sehr wenig zu den Problemstellungen und -lösungen in der stationären KInder- und Jugendhilfe bei.
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Re: Konsequenzen, Reaktionen auf unerwünschtes Verhalten, oder Strafe

Beitragvon Ne55i am Donnerstag 30. Oktober 2008, 08:02

Muchai hat geschrieben:Es beruhigt mich, daß meine Eindrücke nach über zeh Jahren Distanz nicht vollkommen verzerrt sind, Ne55i.

Also um ehrlich zu sein beunruhigt mich das!

An dem Artikel ist wirklich nur die Schlagzeile hervorgehoben. Jeder, der nicht in dem Bereich arbeitet oder nähere Einblicke hat, fühlt sich in die frühere Zeit zurückversetzt, als Heime noch herzlos und mit Zucht und Ordnung geführt wurden.
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Re: Konsequenzen, Reaktionen auf unerwünschtes Verhalten, oder Strafe

Beitragvon Muchai am Dienstag 2. Dezember 2008, 02:05

Passt ganz gut in diese Diskussion:

Gewalt an der Schule: Wenn der Lehrer ausrastet

(...)

Denn über Gewalt an Schulen geredet wird, denkt man an Pädagogen, die von aufsässigen Pubertierenden schikaniert werden oder von Jugendlichen, die ihre Mitschüler mobben. Über Lehrer, die Gewalt ausüben, spricht man kaum. Seitdem es die Prügelstrafe nicht mehr gibt, gelten die Lehrer manchen ohnehin als zu lasch. Viele Pädagogen wünschen sich insgeheim, ihre Schüler auch einmal härter anpacken zu dürfen.

(...)

:arrow: Süddeutsche Zeitung
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