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Trotzreaktionen (Essensverweigerung usw.)

Beitragvon Schneckchen am Montag 3. November 2008, 17:13

Liebe Frau Lerch.

Ich hoffe Sie können mir ein paar Tipps geben. Meine Situation ist Folgende.
Ich habe seit ein paar Monaten einen neuen Freund (er ist 32), der einen 5 jährigen Sohn hat. Der Kleine hatte bis Juni seinen "Lebensmittelpunkt" bei meinem Freund und seiner Familie, ist in der gleichen Ortschaft in den Kindergarten gegangen.

Die Mutter des Kleinen hatte ihn zu dem Zeitpunkt nur ab und zu am Wochenende und kann mit dem Kleinen meiner Ansicht nach nicht gut umgehen, vielleicht weil sie es selber nie gelernt hat. Ihre Eltern hatten beide gesoffen und sie ist in ihrer Kindheit geschlagen wurden.
Zwar schlägt sie den Kleinen nicht, jedoch brüllt sie ihn schnell an und kann mit ihm nicht "normal" spielen (es müssen immer Ausflüge irgendwohin unternommen werden). Seit Juni hat die Mutter den Kleinen (über den Lebensmittelpunkt des Kleinen wird erst im Frühjahr gerichtlich verhandelt) und wenn er am Wochenende beim Vater ist, gibt es jedesmal dieselben Dramen.

Eines der Hauptdramen ist immer das (Mittag)essen.

Der Kleine fängt jedesmal an zu brüllen dass er keinen Hunger hat, das nicht essen will usw.
Zuerst mischen sich die Großeltern ein, am Anfang immer mit einem "komm ess... ich hab extra das und das für dich gekocht", daraufhin folgt dann ein "wenn du das isst, dann machen wir dann nach dem Essen ...." woraufhin der Kleine immer mehr rumknatscht "ich ess das nicht. Wenn ich das essen muss dann komm ich eben nicht mehr zu euch!"
Woraufhin die Großeltern (oder auch der Papa) die meines Erachtens unangemessene Antwort geben" wenn du immer so böse bist wollen wir gar nicht dass du kommst"

Der Großvater fängt dann nach einiger Zeit immer an "ach lasst ihn halt gehn, der wird scho essen wenn er Hunger hat", würde es aber auch nie fertig bringen bis zur nächsten Mahlzeit dem Kleinen nichts zu geben.
Meistens endet es dann so dass der Kleine angebrüllt wird er soll sich endlich an den Tisch setzen und essen. Dann isst der Kleine etwas (aber nicht viel, ca. eine viertel Kartoffel oder so).
Ich denke dem Kind wird zu viel Aufmerksamkeit geschenkt, bzw. eine falsche Art von Aufmerksamkeit. Unabhängig davon isst der Kleine insgesamt zu wenig, wenn ich vergleiche, was meine Geschwister in dem Alter weggeputz haben (und die sahen keineswegs überzüchtet aus).


Nach dem Essen dauert es dann wieder bis der Kleine sich beruhigt.

Meistens bleibt der Kleine für 3 Tage und ist bis zum letzten Tag-abgesehen von den gemeinsamen Essen- guter Dinge. Am letzten Tag fängt er frühs schon immer an dass er nicht heim will und ist dann die letzten Stunden grimmig und zickig zu allen. Wenn er heimgefahren wird tut er mir immer sehr leid wenn er so herzzerreissend weint.

Meine Frage an Sie:Wie verhält man sich am Besten wenn ein Kind nicht essen will und sich so bei Tisch verhält? Der Kleine isst nicht heimlich oder viele Süßigkeiten, es ist wirklich immer nur ein Machtkampf wer seinen Willen bekommt.
Ich glaube das Hauptproblem ist dass zu viele Leute auf den Kleinen einreden und diese dabei noch ziemlich inkonsequent sind.
Ich würde gerne mit den Eltern meines Freundes darüber reden, weiß aber nicht wie ich das am Besten mache ohne altklug zu wirken. Ich bin erst 26 und habe keine Kinder, aber ich hab schon sehr viel in meinem Leben auf kleine Kinder aufgepasst, u.a. auf meine Geschwister und solche Dramen hab ich noch nie miterlebt.

Dass der Kleine immer so "austickt" bedeutet ja nicht nur dass ich momentan in einer unbehaglichen Umgebung bin. Ich hab meinen Freund sehr lieb und kann mir wirklich vorstellen mit ihm mal zusammen zu ziehen und dann wäre der Kleine Mann bei uns zu Besuch (falls er seinen Lebensmittelpunkt bei der Mutter hat und nicht bei meinem Freund).
Ich komme mit dem Kleinen bis jetzt ganz gut zurecht, gehe mit ihm z.B. Fußball spielen oder schau mit ihm zusammen Fernseh und wenn ich sage "so jetzt langts", dann akzeptiert er das auch ohne Aufbau. Eine er und ich alleine Essenssituation hatte ich aber bisher noch nicht, bzw. auch keine anderen Streitereien.
Schneckchen
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Re: Trotzreaktionen (Essensverweigerung usw.)

Beitragvon Lanie am Sonntag 9. November 2008, 13:04

Hallo Schneckchen,

die Situation mit der Mutter, den Besuchen und dem unklaren Lebensmittelpunkt klingt insgesamt nicht einfach für das Kind, aber hier geht es ja hauptsächlich um das Essen.
Ich würde vorschlagen - was aber vielleicht für Dich nicht leicht durchzusetzen sein wird, wenn die Großeltern sich verantwortlich fühlen - dem Jungen die Entscheidung zu überlassen, ob er isst oder nicht. Erklärt ihm noch einmal, dass es jetzt zu essen gibt und dann erst wieder dann und dann und zwischendurch nichts. Dabei müsst Ihr dann natürlich auch bleiben.
Lasst ihn selbst auftun, was er essen möchte. Wenn er nicht will, macht kein Drama draus, dann nimmt sich eben der nächste und das war es dann. So lange Ihr am Tisch sitzt, kann er jederzeit etwas zu essen nehmen. Wenn er nichts will, geht nicht weiter darauf ein, unterhaltet Euch ganz normal, natürlich auch mit ihm und nicht über das Essen. Der Machtkampf muss raus aus der Essenssituation. Er darf keinen Triumph bei Euch fühlen, wenn er dann doch etwas isst, also auch keine übertriebene Freude und Lob (wobei Ihr vielleicht ausprobieren müsstet, wie er darauf reagieren würde; vielleicht tut es ihm auch gut), aber ebenso keine Enttäuschung und Sorge, wenn er nicht isst.
Stört er Euch dann als Reaktion beim Essen, weil er merkt, dass ihm Aufmerksamkeit entgeht (wo Ihr ja entgegen wirken könnt, indem er in Gespräche einbezogen und sich für ihn interessiert wird), muss er den Tisch bzw. den Raum verlassen.
Vielleicht genügt es nach einer Weile schon, wenn er spürt, dass der Druck beim Essen nicht mehr da ist. Man vermutet zwar oft, dass ein Kind mit solchem Verhalten Aufmerksamkeit auf sich ziehen will, es kann aber auch umgekehrt sein, so dass er sich innerlich sehr unwohl damit fühlt, dass alle Blicke, Erwartungen und Stimmungen auf ihm lasten und sich im Zweifelsfall im Anbrüllen entladen. In solcher Lage vergeht einem der Appetit.
Habt Ihr schonmal versucht, mit ihm zusammen zu kochen, evtl. etwas, das er sich selbst wünscht? Das hilft manchmal, denn dann fühlen sich die Kinder als "Chef" und stehen im positiven Mittelpunkt.
Wie isst er denn bei seiner Mutter? Wenn er tatsächlich immer zu wenig isst, hat er vielleicht über die Besuchssituation hinaus ein psychisches Problem mit der Nahrungsaufnahme. Da müsste dann aber der Kinderarzt bzw. ein hinzuzuziehender Psychologe helfen.

Viele Grüße,
Lanie
Lanie
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