Theorie, Berufsalltag und was wo anders nicht hin passt
(Für alle User offen.)

Moderator: Muchai

Forumsregeln
Willkommen im Unterforum Diverses!
Bitte unsere Nutzungsbedingungen, die Datenschutzrichtlinie und das Impressum beachten.
Hinweise zur Bedienung sind bei der BBCode-Anleitung und den häufig gestellten Fragen zu finden.
Bei weiteren Fragen bitte an einen Admin wenden.

Betreuung statt Liebe?

Beitragvon Andrea am Donnerstag 11. Januar 2007, 17:11

Hallo,

würde gerne folgenden Text mit euch diskutieren:
Betreuung statt Liebe? - ein "Betreuungsopfer" erzählt

Wieviel Fremdbetreuung braucht ein Kind?

----
Buch zum Thema:
Albert Wunsch, Abschied von der Spaßpädagogik
Liebe Grüße
Andrea :elefant:
----------
    Wenn ich nur darf,
    wenn ich soll,
    aber nie kann, wenn ich will,
    dann kann ich auch nicht,
    wenn ich muss.
    Wenn ich aber darf,
    wenn ich will,
    dann kann ich auch,
    wenn ich muss.
    Denn merke:
    die können sollen,
    müssen auch wollen dürfen.


    Johannes Conrad, Philosoph
Benutzeravatar
Andrea
Forenmitglied
 
Beiträge: 5107
Registriert: 09.01.2007
Geschlecht: weiblich
Land: Deutschland
Berufsabschlüsse: Erzieherin; Sozialpädagogin/Sozialarbeiterin B.A.


Beitragvon Claudia am Donnerstag 11. Januar 2007, 17:24

:shock:
Bitte??


Na da bin ich auf die Reaktionen doch besonders gespannt.

:shock:
Liebe Grüße!
Claudia
:hack:

"Ich kann, weil ich will, was ich muss."
Immanuel Kant

"Erfahrung heißt gar nichts. Man kann seine Sache auch 35 Jahre schlecht machen."
Tucholsky

"Es wurde schon alles gesagt, nur noch nicht von jedem..."
Valentin
Claudia
*** Admin ***
 
Beiträge: 16417
Registriert: 06.01.2007
Wohnort: Paderborn
Alter: 33
Tätigkeit: Wissenschaftliche Mitarbeiterin an der KatHO NRW, Abt. Paderborn und Lehrbeauftragte an der Goethe-Universität Frankfurt, sowie freiberufliche Elternberaterin und Autorin
Blog: Blog lesen (118)
Geschlecht: weiblich
Land: Deutschland
Schulabschluss: Fachgeb. Abitur
Berufsabschlüsse: Diplom-Pädagogin, Sexualwissenschaftlerin (Master of Arts), Erzieherin, Kinderpflegerin
Zusatzqualifikationen: Sexualpädagogin (gsp), Entwicklungspsychologische Beraterin für Eltern mit Säuglingen und Kleinkindern (EPB), StarkeEltern-StarkeKinder-Elternkursleitung beim DKSB, PEKiP®-Gruppenleiterin

Beitragvon Beebo am Sonntag 14. Januar 2007, 12:39

Hallo!

Ich habe mir den Bericht gerade durchgelesen und bin echt geschockt.
Ich bekomme es sehr oft bei uns im Kiga mit: Dann ist an dem Tag Frühförderung angesagt, an dem Tag geht's zum Logopäden, an dem zur musikalischen Früherziehung, an dem zum Ballett, an dem ist Englischunterricht angesagt... und schwupps, ist die Woche vorbei und das Kind fragt sich: Ok... wann hatte ich denn mal Zeit zum Spielen? Ich finde es furchtbar, dass den Eltern immer mehr einsuggeriert wird, dass ihr Kind dieses, jenes und welches braucht, um sich richtig zu entwickeln. Ehrlich, da kriege ich auf der Arbeit in regelmäßigen Abständen Anfälle (natürlich nur still und heimlich für mich..*g*)
Das sind nämlich dann auch leider die Kinder, die bei uns in der Gruppe zu keinem wirklichen Spiel fähig sind, sie sind aufgekratzt, springen von einer Beschäftigung zur anderen. Wir haben auch ein spezielles Kind dabei,der sich mit seinem 5,fast 6 Jahren, nur ganz einfache Spiele (für 3 jährige) aussucht. Er ist die ganze Woche, wirklich ungelogen alle 5 Tage so verplant, mit wirklich anstrengenden Ativitäten (Gitarre, schwimmen, englisch ...), dass er in der Einrichtung quasi auf Sparflamme stellt, er ruht sich aus und möchte auch einfach nur mal spielen. Natürlich schauen wir schon, dass er auch altersentsprechende Spiele spielt, was er auch ohne Probleme kann. Aber wenn es nach ihm geht, sind es halt eher die leichten Spiele.
Ich finde es einfach nur erschreckend, wie die Kinder heutzutage immer mehr verplant werden!Wo bleibt denn da noch Zeit zum Kind sein?
Es grüßt euch--
Deborah
Beebo
Forenmitglied
 
Beiträge: 287
Registriert: 13.01.2007
Alter: 34
Tätigkeit: Erzieherin, momentan Fachkraft für die Integration
Geschlecht: weiblich
Land: Deutschland

Beitragvon befana am Freitag 19. Januar 2007, 22:21

Aber Hallo,
dieser Bericht hat mich getroffen, betroffen gemacht, geärgert, amüsiert, nachdenklich gemacht und vieles mehr.....

Es ist wirklich so, dass Kinder, selbst wenn sie nicht von einem Kurs zum anderen hechten, ständig betreut werden.

Welche Kinder können heute noch unbeaufsichtigt auf der Strasse spielen (und ganz ehrlich, ich würde es meinem Kind heute auch verbieten)

Aber ich glaube, das Problem ist nicht nur die ständige Betreuung, wodurch die Kinder keine Möglichkeit mehr haben, sich selbst auszutesten, weil immer jemand in der Nähe ist, der alles ins rechte Licht rückt.

Das Problem sehe ich eher in dem Gefühl, welches den Kindern vermittelt wird.
Du kannst nicht genug, deshalb noch ein Kurs, wir wollen Zeit für uns, deshalb Urlaubsbetreuung und wenn es nicht die externe Betreuung ist, ist es der Fernseher, der den Kindern Erlebnisse und Erfahrungen aus zweiter Hand bietet.

Der Leitspruch ist nicht: "Hilf mir es selbst zu tun", sondern "Kümmer dich um dich selbst". Und damit ich mir nichts vorwerfen muss, am Besten mit Betreuung.
In diesem Zusammenhang könnte man jetzt noch philosophieren über Vor und Nachteile der Grossfamilie und der Emanzipation, aber das würde wohl das Forum sprengen.

Die andere Seite ist, es sind nicht alle so.
Nur, über die Familien, wo es ausgewogen ist, spricht man kaum.
In unserer Gesellschaft muss man doch negativ auffallen, um wahrgenommen zu werden.
Nach dem Motto, wenn das Kind in Brunnen gefallen ist sponsern wir die Bergung.

aufgewühlte Grüsse von befana
Lieben Gruss
befana

1. Hilf mir, es selbst zu tun (Maria Montessori)

2. Ich suche das Kind in mir (von mir)
Benutzeravatar
befana
*** Admin ***
 
Beiträge: 12524
Registriert: 19.01.2007
Wohnort: Berlin
Alter: 59
Tätigkeit: Erzieherin
Geschlecht: weiblich
Land: Deutschland
Berufsabschlüsse: staatl. anerk. Erzieherin
Vorklassenleiterin
Zusatzqualifikationen: Montessori

Beitragvon Andrea am Freitag 2. März 2007, 20:40

Danke an euch für eure Meinungen!

Freue mich auf noch mehr Meinungen dazu - ist ja ein recht aktuelles Thema :roll:
Liebe Grüße
Andrea :elefant:
----------
    Wenn ich nur darf,
    wenn ich soll,
    aber nie kann, wenn ich will,
    dann kann ich auch nicht,
    wenn ich muss.
    Wenn ich aber darf,
    wenn ich will,
    dann kann ich auch,
    wenn ich muss.
    Denn merke:
    die können sollen,
    müssen auch wollen dürfen.


    Johannes Conrad, Philosoph
Benutzeravatar
Andrea
Forenmitglied
 
Beiträge: 5107
Registriert: 09.01.2007
Geschlecht: weiblich
Land: Deutschland
Berufsabschlüsse: Erzieherin; Sozialpädagogin/Sozialarbeiterin B.A.

Beitragvon Muchai am Sonntag 4. März 2007, 02:11

Ich bin ein Stadtkind.

Ich habe die ersten vier Jahre meines Lebens am Stadtrand gelebt, seitdem lebe ich mitten in München. Der Fußweg zum Kindergarten betrug 10 Minuten. Im letzten Kindergartenjahr bin ich alleine hingegangen. Der Weg zur Grundschule betrug 5 Minuten - eine beampelte Kreuzung mußte ich überqueren. Der Weg zum Gymnasium betrug 7 oder 8 Minuten.
Wir haben uns in der Pause am Schulhof verabredet. Der eine oder andere ging vielleicht einmal in der Woche nachmittags in den Fußballverein oder zum Musikunterricht. Wir wurden nicht von A nach B kutschiert, sondern haben uns unser Stadtviertel selber erlaufen. Wir waren sicher auch in Ecken, wo uns unsere Eltern nicht gerne gesehen haben - das haben sie uns zumindest zu verstehen gegeben, wenn wir ihnen gesagt haben, wo wir uns rumgetrieben haben (und wir hatten später das eine oder andere Geheinis mehr).
Ich kannte sehr bald im Umkreis von zwei Kilomtern so ziemlich jede Straße, jeden Bürgersteig, jedes Haus und Geschäft (zumindest von außen).
Ich bin mit 8 Jahren alleine U-Bahn gefahren, um eine Freundin, die in der Innenstadt gewohnt hat, zu besuchen. Ich war nicht das einzige Kind, das alleine gefahren ist.
Die Frage, welche Schule das Kind besuchen soll, war zweitrangig (na ja, nicht ganz, für mich war auch eine Waldorfschule anderthalb Kilometer entfernt im Gespräch). Das Ergebnis war, daß in der Sprengel-Grundschule von der Unterschicht bis zur gehobenen Mittelschicht alles vertreten war.
Am Gymnasium gab es dann Mitschüler, die mit 12, 13 Jahren noch nie selber U-Bahn gefahren sind. Bei Ausflügen nicht ohne...
(Daß ich mir das Radfahren mit 11 Jahren selber beigebracht habe, ist ein netter Treppenwitz.)

Betreute Abenteuerspielplätze gab es nicht. Wir haben uns unsere Abenteuer selber gemacht. Daß wir den einen oder anderen Blödsinn angestellt haben, versteht sich von selber. Meistens hat der anständige Anschiß eines Hausmeisters die Sache schnell (auf dem kurzen Dienstweg und in der Regel sehr undiplomatisch) geklärt. Das eine oder andere Mal waren wir wirklich eingeschüchtert. Folgeschäden habe ich deswegen sicher nicht davongetragen.

Das alles liegt rund 25 Jahre zurück.

Ich habe viele Erfahrungen gemacht, einige wenige waren unangenehm. Ich würde das eine oder andere bei meinen Kindern anders machen, was aber in erster Linie dem in den vergangenen 25 Jahren massiv gestiegenen Autoverkehr zu verdanken ist.
In leicht modifizierter Form ist das heute noch möglich. Dank der Horrormeldungen in den Medien können wir uns das heute leider einfach nicht mehr vorstellen.
Die Vorstellung, mein Kind, einen Tag dorthin zu kutschieren, anderntags woanders hin, am dritten Tag wieder in den nächsten Stadtteil, empfinde ich grauenhaft (nicht nur unter der Vorstellung, den Führerschein machen zu müssen). Wenn die Sprengelschule nicht einen vollkommen schlechten Ruf hat, wird mein Kind diese Schule besuchen und überleben (ich habe das totalitäre bayerische Gymnasium auch überlebt).

Kinder brauchen unbeaufsichtige und unbetreute Zeit. Sie müssen Erfahrungen sammeln, ohne daß panische Eltern daneben stehen und einen Herzkasperl kriegen oder dauernd eingreifen.
Erziehung bedeutet eben auch, daß Kinder eigene Erfahrungen (auch schlechte) machen und sich loslösen. Erziehung ist kein Synonym für permanente Betreuung.

Das waren die Erfahrungen und Gedanken eines Stadtkinds.
Benutzeravatar
Muchai
*** Admin ***
 
Beiträge: 6111
Registriert: 24.02.2007
Tätigkeit: Erzieher i.R.
Land: Deutschland

Beitragvon Pazifica am Mittwoch 7. März 2007, 20:44

Hallo Muchai,
dein Beitrag hat mir gefallen und ich stimme mit dir überein,daß Kinder freie Zeit benötigen und nicht ständig bespielt und bespaßt werden dürfen.
Kinder benötigen neben der Zeit,die sie in der "Fremdbetreuung "verbringen ebenfalls Zeit,die sie einfach nur mit den Eltern zu Hause verleben.
Vielen Eltern bei uns in der Einrichtung würde es nicht im Traum einfallen,ihr Kind mal zuhause zu lassen,wenn sie selber frei haben.Das ist ganz schön traurig.Andere hetzen nach der Kita noch ständig zu irgendwelchen Terminen und Verabredungen mit ihren Kindern,um ja jede freie Minute auszufüllen(und wundern sich dann,wenn ihr Kind sich nie selbst beschäftigen kann und ständig einen Animateur braucht.)
Pazifica
Forenmitglied
 
Beiträge: 14
Registriert: 04.03.2007
Tätigkeit: Erzieherin

Beitragvon Andrea am Mittwoch 7. März 2007, 20:54

Hallo Muchai, hallo Pazifica,

vielen Dank für euer Antworten.
Ich stimme mit euch überein: Kinder brauchen auch mal Zeit allein.

Mir ging es aber mit dem Artikel um eine ganz andere Sache:
Wie viel Fremdbetreuung braucht ein Kind:
angefangen über Tagesmutter, Krippe, Tagesstätte, Ogata, betreute Ferien, ... im vergleich zu der Zeit die seine Eltern mit ihm verbringen.

Ich denke der Trend zu immer mehr Fremdbetreuung ist da: siehe Vorkindergärten, Parkplätze *sorry* in Fitnessstudios, Einrichtungshäusern, - Urlaub bitte nur mit Kinderanimation die die Kinder ohne Eltern betreut, ...

Was macht das mit dem Kind? Wie empfindet ihr Eltern, was beobachtet ihr? Wie verhalten sich solche Kinder in der Zukunft, ...

Auf Meinungen wie immer sehr gespannt :wink:
Liebe Grüße
Andrea :elefant:
----------
    Wenn ich nur darf,
    wenn ich soll,
    aber nie kann, wenn ich will,
    dann kann ich auch nicht,
    wenn ich muss.
    Wenn ich aber darf,
    wenn ich will,
    dann kann ich auch,
    wenn ich muss.
    Denn merke:
    die können sollen,
    müssen auch wollen dürfen.


    Johannes Conrad, Philosoph
Benutzeravatar
Andrea
Forenmitglied
 
Beiträge: 5107
Registriert: 09.01.2007
Geschlecht: weiblich
Land: Deutschland
Berufsabschlüsse: Erzieherin; Sozialpädagogin/Sozialarbeiterin B.A.

Beitragvon befana am Mittwoch 7. März 2007, 21:23

Andrea hat geschrieben:Was macht das mit dem Kind? Wie empfindet ihr Eltern, was beobachtet ihr? Wie verhalten sich solche Kinder in der Zukunft, ...

Ich weiss nicht, ob man die Frage so pauschal beantworten kann. es kommt wie bei so vielem auf das einzelne Kind an.
Mein Sohn war eher ein introvertiertes Kind.
Er hat alles, was du an Fremdbetreuung aufgezählt hast abgelehnt.
Für ihn gab es nur die Kita und sein tägliches Umfeld.
Andererseits haben wir Kinder in unserer Einrichtung, die morgens schon erzählen, dass sie nachmittags endlich zu Ikea fahren.
Ich habe dabei u.a. ein Kind im Kopf, mit dem die Mutter regelmässig dorthin fährt, weil er es so gerne möchte.
Lieben Gruss
befana

1. Hilf mir, es selbst zu tun (Maria Montessori)

2. Ich suche das Kind in mir (von mir)
Benutzeravatar
befana
*** Admin ***
 
Beiträge: 12524
Registriert: 19.01.2007
Wohnort: Berlin
Alter: 59
Tätigkeit: Erzieherin
Geschlecht: weiblich
Land: Deutschland
Berufsabschlüsse: staatl. anerk. Erzieherin
Vorklassenleiterin
Zusatzqualifikationen: Montessori

Beitragvon Pazifica am Mittwoch 7. März 2007, 22:31

Was macht das mit dem Kind? Wie empfindet ihr Eltern, was beobachtet ihr? Wie verhalten sich solche Kinder in der Zukunft, ...

(Beitrag von Andrea)

Ja nun,wie fühlen sich Kinder,die ständig "wegorganisiert" werden??
Wertlos,ungeliebt?Gehen sie später mit ihren Kindern genauso um?
Der Autor des Berichtes über "Betreuungsopfer " denke ich,hat ziem-
lich gut beschrieben,wie es in solchen Kindern aussieht.Ich denke,es ist einfach nicht mehr "in",einfach nur Zeit mit seinem Kind zu verbringen.
Die modernen Eltern von heute haben tausend Sachen im Kopf,ihre Kin-
der sind nur eine davon.Keiner will sein Leben ändern,"nur" weil man
Kinder hat.Große Macht haben auch Fernsehen und Zeitungen.Überall
bekommt man zu hören und zu sehen :ZEIT FÜR DICH!! Werde ego-
istischer.Delegiere die Arbeit in der Familie,weil Frauen ja sowieso chro-
nisch überarbeitet sind,Eltern brauchen Zeit für sich,weil sonst die Ehe
in die Brüche geht usw. All dieses ist natürlich nicht ganz falsch,jedoch
in meinen Augen mittlerweile völlig überzogen.Wie der Autor schon in
seinem Bericht meinte :viele Leute glauben,sie könnten mit Kindern ihr
Lebensmodell genauso durchziehen wie ohne Kinder.....
Pazifica
Forenmitglied
 
Beiträge: 14
Registriert: 04.03.2007
Tätigkeit: Erzieherin

Nächste

Zurück zu Diverses zu Studium und Beruf

  • BESUCHER

Mitglieder in diesem Forum: 0 Mitglieder und 0 Gäste